Google will die Welt verchromen

Selten hat ein Google-Produkt die Welt so überrascht. Zwar wurde schon seit Längerem darüber spekuliert, dass der Internetgigant Google mit einem eigenen Browser auf den Markt kommen könnte, doch über konkrete Pläne war nichts bekannt. Erst wenige Stunden vor der geplanten weltweiten Veröffentlichung des neuen Webbrowsers Chrome sickerte doch noch etwas durch: Ausgerechnet ein Comic, bislang in der Nachrichtenwelt ein eher unbeachtetes Informationsmedium, verriet die seit zwei Jahren streng geheim gehaltene Entwicklung. Der amerikanische Zeichner Scott McCloud setzte die Vorzüge des neuen Browsers in Szene. Eine Kopie des Comics landete ein klein wenig zu früh im Postfach des US-Blogs Blogoscoped. Zufall oder nicht, die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Der Comic dürfte wohl – für eine dröge, technische Produktankündigung eher ungewöhnlich- zur meistgelesenen Pressemitteilung des Jahres zählen. Auf jeden Fall sorgte er dafür, dass die Technikwelt aufs äußerste elektrisiert auf ein Produkt wartet, von dem sie Stunden zuvor noch gar nichts wusste. PR-technisch ist dem Unternehmen aus Mountain View ein Coup gelungen, der seinesgleichen sucht. Prompt konnte der Browser in nicht einmal 24 Stunden einen Marktanteil von drei Prozent erreichen und damit den ersten Herausforderer Opera überholen.

Attacke gegen Microsoft

Weit wichtiger dürfte den Google-Mannen aber ein anderer, in der Öffentlichkeit weit weniger beachteteter Sieg gewesen sein: Chrome wurde nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der zweiten Beta des Internet Explorer 8 auf den Markt geworfen- und hat dem Microsoft-Produkt komplett die Show gestohlen. Microsoft und Google sind längst ausgewiesene Intimfeinde. Von außen betrachtet mutete die Fehde der Giganten bislang oft wie ein albernes Sandkastenspiel an- nur dass es um Milliarden geht: Während Microsoft verbissen versucht, im Internetsuch-und-Werbemarkt Fuß zu fassen, stichelt Google mit einer Software namens Google Apps, die den Microsoft-Office-Paketen ordentlich Dampf machen soll, mangels Nutzerbasis aber kaum Markttransparenz erreicht. Mit jedem Tag nimmt die Auseinandersetzung jedoch an Schärfe zu – Chrome dürfte nun ein neues Kapitel eröffnen. Noch nie ist Google tiefer auf Microsoft-Territorium vorgedrungen, noch hat das Unternehmen je eindrucksvoller gezeigt, was es als Software-Entwickler zu leisten vermag. Vordergründig geht es beim Kampf um die Marktführerschaft um einen merkwürdig uninteressanten Markt: Nachdem Microsoft Anfang des Jahrtausends den “Browser-Krieg” gegen Netscape gewann, gibt es nichts mehr zu holen: Browser werden als kostenlose Dreingabe verstanden, für die der Nutzer keinen Cent zu zahlen bereit ist. Einzig der norwegische Hersteller Opera versucht sich in der Nische an einem funktionierenden Geschäftsmodell. Microsoft dominierte den Markt zwischenzeitlich mit einem Anteil von rund 80 Prozent. Einzig der alternative Firefox-Browser-von einer rührigen freien Programmiergemeinde weiterentwickelt- sorgte für etwas Leben: Er bringt es inzwischen auf knapp 30 Prozent Marktanteil und konnte dem Explorer inzwischen immerhin zehn Prozent abknapsen. Die restlichen 20 Prozent knabberte Firefox aber- auch wenn das unter Fans gern übersehen wird- von den Netscape-Nutzern ab. Der Kuchen gilt als weitgehend aufgeteilt. Geld wird ohnehin nicht verdient. Was also will Google in diesem Spiel gewinnen?

Die Vormacht im Internet

Es handelt sich um eine zutiefst strategische Entscheidung. Als lupenreine Internet-Company muss es Google ein Dorn im Auge sein, von einem Produkt fremder Hersteller abhängig zu sein: Was, wenn der nächste Internet Explorer mit voreingestellter Live-Search daherkommt? Bislang hindern Microsoft nur die Auflagen der Wettbewerbsbehörden an diesem Schritt. Der Einfluss von Microsoft auf das Internet ist in den vergangenen Jahren jedoch massiv zurückgegangen, zugunsten von Google. Es ist absehbar, dass diese Entwicklung auch von den Kartellwächtern irgendwann berücksichtigt wird. Was, wenn der nächste Internet-Explorer die Ausführung von komplexen Webanwendungen nicht sauber unterstützt? Experten erwarten längst, dass die Browser zum “Betriebssystem der Zukunft” werden und immer mehr Anwendungen online laufen. Microsoft hat als Hersteller von Desktopsoftware aber keinerlei Interesse daran, dass etwa Office-Anwendungen ins Internet abwandern-zumindest nicht, bis Microsoft dort selbst gut aufgestellt ist. Für Google muss es eine inakzeptable Vorstellung sein, dass Microsoft das Entwicklungstempo vorgibt. Und was passiert, wenn Microsoft und Firefox-wie es derzeit der Trend ist-immer neue Privacy-Funktionen einführen? Der Firefox bietet bereits seit Version 3 eine Funktion, die die Macht der von vielen Websurfern argwöhnisch beäugten Cookies beschneidet. Google setzt wie kaum eine andere Webcompany auf die kleinen Textdateien. Mit einem Supercookie versucht Google die Nutzer über das gesamte Netzwerk zu identifizieren und zu beobachten. Nicht nur auf der Google Startseite protokolliert das Unternehmen das Suchverhalten; es kann auch Besucher wiedererkennen, die auf einer Webseite surfen, die Google-Adsense-Anzeigen einblendet. Seit dem Zukauf des Adserver-Anbieters Doubleclick ist es sogar möglich, Google-Nutzer auf allen Webseiten zu beobachten, die von Doubleclick ausgelieferte Webbanner einblenden. Die Firma kann damit das Nutzerverhalten auf völlig fremden Sites- etwa Focus Online- auswerten. Sehr viel Macht, die das Unternehmen nur ungern einbüßen möchte.

Der Kampf um die Cookies

Aber auch sehr viel Information, die viele Nutzer nicht mehr freiwillig preisgeben möchten. Derzeit ist die Zahl der Nutzer, die Cookies komplett ablehnen mit 1,6 Prozent der Nutzer äußerst gering (siehe Grafik). Kein Wunder, denn viele Webseiten sind ohne Cookies nur mühsam zu nutzen. Aber den in Verruf geratenen Textdateien droht größeres Ungemach: Mit der Funktion “Cookies” nur für diese Session zugelassen” hat Firefox bereits ein Feature etabliert, dass die Bedeutung deutlich schmälert. Der neue Internet Explorer 8 wird diese Funktion ebenfalls mitbringen und dann vermutlich den Massenmarkt erschließen. Vor diesem Hintergrund, kann es eigentlich kaum erstaunen, dass Google der Entwicklung nicht teilnahmslos zusehen will. Mit einem eigenen Browser hat Google nicht nur das Potenzial, die Marktentwicklung mitzubestimmen. Das Unternehmen bekommt insbesondere einen direkten Zugriff auf Benutzer des Browsers. Sollten Cookies tatsächlich bald das Zeitliche segnen, könnte Google leicht neue Funktionen etablieren, die sogar eine noch besser User-Identifikation ermöglichen. Das Perfide: Chrome selbst lockt mit erweiterten Privacy-Funktionen. Surfer können einen “Inkognito”-Tab öffnen, der einige Anonymitätsfunktionen freischaltet. Der Surfer wird damit zwar nicht unsichtbar- auch wenn der Tab dies suggeriert-, aber immerhin werden Cookies nur für eine Session gespeichert. ” Es ist geradezu grotesk, dass ausgerechnet Google in Chrome mit Privacy-Funktionen lockt”, findet auch Ronald Paul, Geschäftsführer des Performance-Marketing-Spezialisten Quisma.

Wer wird auf Chrome setzen?

Auch wenn in der Branche umstritten ist, ob aussterbende Cookies tatsächlich das Onlinemarketing beeinflussen, sorgt Chromes Inkognito-Tab doch zumindest für Häme. “Es ist schon ironisch. Die Nutzer können es im Stealth-Modus erschweren von Ad Networks wiedererkannt und getrackt zu werden. Zugleich sammelt die Browsersoftware selbst Daten über den Nutzer und schickt sie an Google. In meinen Augen ist Chrome die größte Spyware, die je herausgebracht wurde”, schreibt etwa Onlinemarketing-Spezialist Peter Glaeser in seinem Blog. Umstritten ist aber auch, wie viele User letztlich auf Chrome setzen werden. Der Achtungserfolg bei Markteinführung dürfte vor allem der geschickten PR-Mannschaft geschuldet sein. Die Masse der Nutzer interessiert sich für technische Details der Browser gar nicht, wie sich schon im ersten Browserkrieg zeigte. Die vorinstallierte Anwendung wird genutzt, basta. Als experimentierfreudig und wechselwillig gelten lediglich die Firefox-Nutzer, die zu zwei Dritteln ohnehin schon von Netscape gewechselt sind, zugleich aber auch als besonders kritisch gelten. Google kann die Schlacht nur gewinnen, wenn es gelingt, die Anwender des Internet Explorer zu adressieren. Dort sitzt die Masse- und die ist träge.



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